
Ein Social-Media-Sujet entsteht heute in dreißig Sekunden, ein Newslettertext in zwei Minuten. Marketing, Vertrieb und Geschäftsführung erzeugen mit ChatGPT, Midjourney oder Firefly Inhalte, für die eine Agentur früher mehrere Tage gebraucht hätte. Die Geschwindigkeit ist real, der Nutzen auch. Mit der Menge an Content wächst allerdings ein Problem, das viele Unternehmen erst bemerken, wenn ihr Auftritt bereits beliebig wirkt: Kaum jemand prüft noch, ob das Ergebnis zur Marke passt.
Früher durchlief ein Sujet eine Präsentationsrunde. Eine Grafikerin legte Entwürfe vor, die Marketingleitung hinterfragte Bildsprache und Formulierung, und erst nach den Korrekturen ging etwas online. Heute erstellen Abteilungen und einzelne Mitarbeitende Vorlagen, Postings, Texte und Layouts selbst. Weil das Ergebnis günstig und sofort verfügbar ist, nicken Verantwortliche ab, was sie früher kritisch hinterfragt hätten.
Darunter leidet die Qualität und mit ihr das Markenbewusstsein der Kundinnen und Kunden. Wer auf LinkedIn eine andere Tonalität liest als im Newsletter und auf Instagram eine Bildsprache sieht, die mit der Website nichts zu tun hat, verbindet mit dem Unternehmen kein klares Bild mehr. Sprachmodelle und Bildgeneratoren verstärken diesen Effekt selbst. Sie greifen auf einen gemeinsamen Pool an Trainingsdaten zurück, und ihre Ergebnisse gleichen sich deshalb immer weiter an. Ohne bewusstes Prompting und klare Vorgaben landet jede Marke früher oder später im selben sprachlichen und visuellen Mittelfeld.
Viele Unternehmen sehen in KI einen Ersatz für Grafikdesign, Text und Art Direction. In der Praxis verhält sie sich wie Photoshop oder Figma: Sie ist ein Werkzeug, und ihr Ergebnis hängt von der Person ab, die es bedient, und von den Vorgaben, mit denen diese Person arbeitet.
Bei Texten fällt generierter Content am schnellsten auf. Bestimmte Formulierungen haben Leserinnen und Leser inzwischen tausendfach gesehen: die gleichen Einstiege, die gleichen Dreierlisten, Schlusssätze im Tonfall eines Kalenderspruchs. Im Englischen hat sich dafür der Begriff „AI Slop“ etabliert. Gute Texte lesen sich anders. Sie haben einen eigenen Rhythmus, erlauben sich längere Sätze, ungewöhnliche Formulierungen und Gedanken, denen man so noch nicht begegnet ist.
Bei Bildern zeigt sich oft der Uncanny-Valley-Effekt. Menschen, Räume und Produkte wirken auf den ersten Blick eine Spur zu perfekt, auf den zweiten fallen die Fehler auf: Hände, Schriftzüge, Spiegelungen, die physikalisch nicht stimmen. Abstrakte Motive gelingen mit KI deutlich besser. Doch auch bei Illustrationen hat sich eine Gleichförmigkeit eingeschlichen, ein generischer Stil, den Betrachterinnen und Betrachter inzwischen sofort zuordnen.
Der Prozess ist verführerisch. Ein Prompt, ein paar Sekunden Wartezeit, und am Bildschirm erscheint etwas, das beeindruckend aussieht. Einem zweiten, kritischen Blick halten viele dieser Ergebnisse nicht stand. Generieren fünf Personen in einem Unternehmen ohne gemeinsame Regeln Inhalte und spielen sie auf allen Kanälen aus, entstehen fünf Markenauftritte, die nebeneinander herlaufen.
Ein Unternehmen, das KI unkontrolliert einsetzt, gibt die Souveränität über seinen eigenen Content ab. Es überlässt Tonalität, Bildsprache und am Ende auch die eigene Haltung dem statistischen Durchschnitt eines Modells. Für schnellen Content opfert es damit die Wiedererkennbarkeit, und gerade die macht eine Marke aus.
Der Einwand liegt nahe: Wenn KI alles in Sekunden erzeugt, wozu dann noch Markenarbeit? Die Designgeschichte kennt diesen Moment. Als der Computer Schriftsetzer und Lithografen ablöste, änderten sich Werkzeuge, Berufsbilder und Produktionszeiten grundlegend. Eine Regel blieb bestehen: Die Basis muss stimmen.
Diese Basis entsteht durch die Auseinandersetzung mit dem Unternehmen, seiner Geschichte, seinen Produkten und seiner Zielgruppe. Sie verlangt Erfahrung in Marketing und Design, die sich aus keinem Datensatz kopieren lässt. Unternehmerinnen und Unternehmer bringen das Wissen über ihr Geschäft mit, Gestalter und Strateginnen ihr Handwerk. Gemeinsam entwickeln sie etwas Eigenständiges. Erst auf diesem Fundament können Teams mit KI-Tools eine klare Markenidee effizient in Sujets, Texte und Varianten übersetzen.
Als Design in den digitalen Raum wanderte, brauchten Marken neue Regeln für Websites, Apps und Social Media. Heute steht die nächste Erweiterung an: Unternehmen müssen Grundlagen für KI-Agenten schaffen. Dafür braucht es ein zentrales Regelwerk, das für KI-generierten Content ebenso gilt wie für manuelle Grafikarbeit.
An den Grundlagen selbst ändert sich wenig. Farbwelt, Typografie, Logoeinsatz, Bildwelt, Icon-Stil, Designelemente und Sprachkorridor bleiben das Fundament. Geändert hat sich, wie Unternehmen diese Regeln festschreiben und zur Verfügung stellen. Das klassische PDF-Manual, das in zehn Versionen irgendwo in einer Ordnerstruktur liegt und das niemand mehr öffnet, reicht nicht mehr aus. Jede Person, die Content erstellt, muss die Regeln ohne Umweg erreichen, und die Regeln müssen mit den KI-Tools verbunden sein, die im Unternehmen im Einsatz sind. Nur dann wenden Mitarbeitende sie im Alltag auch an.
KI-Guidelines erweitern das bestehende Manual um jene Informationen, die Anwenderinnen und KI-Agenten für ihre Arbeit brauchen. Dazu zählen Prompt-Vorgaben für wiederkehrende Aufgaben wie Social-Media-Sujets, Produktbeschreibungen oder Newsletter. Dazu zählen auch Textbausteine, die die KI nach festgelegten Regeln an Kanal und Anlass anpasst, sowie Formulierungsvorgaben mit bevorzugten Begriffen und Wörtern, die eine Marke meidet.
Dos and Don'ts mit konkreten Beispielen zeigen, wo die Grenze zwischen markenkonform und beliebig verläuft. Regeln zur Kennzeichnung legen fest, wann ein Inhalt als KI-generiert ausgewiesen wird. Die Form hängt von Größe und Tool-Landschaft des Unternehmens ab: eine Prompt-Bibliothek, ein Assistent mit hinterlegten Markenregeln oder ein Projekt mit Systemanweisungen in den gängigen KI-Plattformen. Entscheidend ist, dass die Regeln dort greifen, wo der Content entsteht.
Starre Verbote helfen wenig. Ob KI oder eine klassische Umsetzung besser ans Ziel führt, entscheidet sich von Fall zu Fall. Eine Grenze gilt allerdings immer, und sie betrifft die Glaubwürdigkeit: KI darf nichts vortäuschen, was es so nicht gibt. Ein Produkt, das in dieser Form nicht am Markt ist, oder eine Ausstattung, die nicht existiert, führt Kundinnen und Kunden in die Irre und beschädigt das Vertrauen in die Marke.
Oft ist ein Fotoshooting oder ein von Hand gestaltetes Printsujet der schnellere Weg. Wer mit KI arbeitet, kennt die Situation: Das Tool generiert partout nicht, was man sich vorstellt, oder ein Fehler hat sich eingeschlichen, den man aus dem Ergebnis nicht mehr herausbekommt. Eine erfahrene Fotografin oder ein erfahrener Grafiker liefert in solchen Fällen in kürzerer Zeit ein gleichwertiges oder besseres Ergebnis.
Gesetzliche Vorgaben wie der AI Act der EU regeln nur einen Teil der Fälle. Für Marken lohnt sich ein eigener Maßstab: Kennzeichnen, sobald ein Inhalt irreführen kann. Ein Beispiel sind KI-optimierte Immobilienfotos, die derzeit häufig zum Einsatz kommen. Wer eine Wohnung mieten oder kaufen möchte, kann anhand solcher Bilder nicht beurteilen, wie sie in Wirklichkeit aussieht. Hier ist eine Kennzeichnung unverzichtbar.
Produktvisualisierungen liegen anders. Sie entstanden schon vor KI häufig als 3D-Rendering oder Mockup. Solange die Visualisierung dem tatsächlichen Produkt entspricht, braucht sie keine Kennzeichnung. Bei Fotos von Menschen oder realen Orten sollten Marken hingegen immer offenlegen, dass KI im Spiel war.
Laufen Inhalte nicht mehr durch erfahrene Hände, fehlt die kritische Instanz, die früher Grafikdesigner, Art Directorinnen und Texter gebildet haben. Der Einsatz von KI verlangt deshalb eine neue Freigabe-Schnittstelle: eine Person oder Rolle, die Verantwortung für die Marke übernimmt und Content vor der Veröffentlichung prüft.
Wie diese Rolle aussieht, hängt von Größe und Kapazität des Unternehmens ab. Größere Organisationen benennen eine eigene Markenverantwortliche. In kleineren Unternehmen reicht oft ein regelmäßiger Review mit einem externen Partner oder eine gute Begleitung bei der Einführung des neuen Manuals, damit alle Beteiligten die Regeln von Anfang an richtig anwenden.
Der wichtigste Schritt ist die Erkenntnis selbst. Wer merkt, dass der eigene Auftritt in den letzten Monaten an Profil verloren hat, schafft die Voraussetzung für Veränderung.
Danach lohnt sich ein Schritt zurück. Oft sind viele gute Ansätze längst vorhanden, sie sind nur zu wenig fokussiert. Leg alles auf den Tisch: Logo, Farben, Bildwelt, Textproben, bestehende Vorlagen und die Inhalte der letzten Monate. Bewerte das Material neutral und frag dich, was davon die Marke trägt und was nur Rauschen erzeugt. Ein Blick von außen hilft dabei, weil er die Betriebsblindheit umgeht, die sich in jedem Team mit der Zeit einstellt.
Erst wenn die Basis klar ist, lohnt sich die Übersetzung in KI-Guidelines. Zeigt die Analyse grundlegende Schwächen, stellt sich vorher die Frage, ob ein Redesign oder ein Rebranding nötig ist.
In wenigen Jahren werden KI-Agenten eigenständig Kampagnen ausspielen, Texte schreiben und Bilder erzeugen. Den Wettbewerbsvorteil einer Marke bilden dann die eigene, ernsthafte Auseinandersetzung mit der Marke und ein bewusster Einsatz von KI-Tools, deren Vorgaben die eigene Einzigartigkeit unterstreichen. Dazu kommt eine solide Basis aus menschlicher Arbeit, von der aus Teams neue Inhalte erzeugen, adaptieren und erweitern.
Was KI erschaffen kann, beantworten die Tools jede Woche neu. Was ein Unternehmen mit ihr erschaffen will, muss es selbst entscheiden.
Du willst wissen, ob deine Marke für den Einsatz von KI bereit ist, oder deine bestehenden Guidelines um KI-Regeln erweitern? Meld dich bei uns.
KI-Tools erzeugen Inhalte in Sekunden und greifen dabei auf ähnliche Trainingsdaten zurück. Ohne klare Markenregeln gleichen sich Texte und Bilder verschiedener Unternehmen immer stärker an. Eine starke Marke mit verbindlichen Vorgaben sorgt dafür, dass ein Unternehmen auch bei hohem Content-Volumen wiedererkennbar bleibt.
KI-Guidelines erweitern das klassische Brand Manual mit Farbwelt, Typografie, Logoeinsatz, Bildwelt und Sprachkorridor um Regeln für die Arbeit mit KI: Prompt-Vorgaben, adaptierbare Textbausteine, Formulierungsvorgaben, Dos and Don'ts und Regeln zur Kennzeichnung. Sie sind direkt mit den KI-Tools verbunden, die im Unternehmen im Einsatz sind.
Nein. KI ist ein Werkzeug wie Photoshop oder Figma. Die Grundlage einer Marke entsteht aus der Auseinandersetzung mit Unternehmen, Produkt und Zielgruppe sowie aus Erfahrung in Marketing und Design. KI hilft dabei, diese Grundlage effizient in konkrete Ergebnisse umzusetzen.
Rechtliche Vorgaben wie der AI Act der EU decken nur einen Teil der Fälle ab. Als Faustregel gilt: Kennzeichnen, sobald ein Inhalt irreführen kann, etwa bei KI-optimierten Immobilienfotos. Fotos von Menschen oder realen Orten sollten immer gekennzeichnet werden. Produktvisualisierungen, die dem tatsächlichen Produkt entsprechen, brauchen in der Regel keine Kennzeichnung.
Es braucht eine definierte Freigabe-Schnittstelle. In größeren Unternehmen übernimmt das eine eigene Markenverantwortliche, in kleineren reicht oft ein regelmäßiger Review mit einem externen Partner oder eine begleitete Einführung des neuen Manuals.
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